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Aufregung nach Gauland-Gastbeitrag in der FAZ: Wie soll der Journalismus mit Populisten umgehen?

Das ist Alexander Gauland neben Screenshots der FAZ test test
Das ist Alexander Gauland neben Screenshots der FAZ test test

Obwohl Gastbeiträge von NGO-Vertretern, Wirtschaftslenkern und Politikern in den Medien keine Seltenheit sind, hat ein in der FAZ publizierter Meinungsartikel über die Entstehung und Definition von Populismus für Diskussionen und Protest gesorgt. Autor war niemand anderes als Alexander Gauland, Parteivorsitzender der AfD. Ist das ein Ausdruck von Debattenkultur oder "kaum noch Journalismus"?

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Fast schon unscheinbar, auf Seite 8 der FAZ, erschien am Samstag ein Gastbeitrag, der in Medien- und Politikkreisen nun massiv diskutiert wird. Dabei geht es allerdings nicht um den Inhalt des Beitrags, sondern um den Umstand, dass er überhaupt veröffentlicht wurde. Ohne Foto, ohne große Überschrift oder große Autorenzeile, lediglich eingerahmt, wie für die Rubrik “Fremde Federn” üblich, erschien unter der Überschrift “Warum muss es Populismus sein?” (Paid) ein Gastbeitrag von Alexander Gauland. Darin schreibt der Parteichef der Alternative für Deutschland (AfD), zugleich Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, über ein Thema, das nicht nur viele mit ihm in Verbindung bringen und ihm vorwerfen, sondern zu dem er sich selbst bekennt: Populismus.

Alexander Gauland ist ein schlechter Mensch.

Er schreibt, freilich aus seiner Sicht, über die Entstehung und neue Popularität des Populismus, macht eine “neue urbane Elite” dafür verantwortlich, dass sich Mittelstand und “einfache Leute” abgehängt fühlten. Er zeichnet ein Bild jener Elite, die Informationen kontrolliere sowie politisch wie kulturell “den Takt” vorgebe, mit ihrem Drang zur Globalisierung dafür sorge, dass eine Bindung zur Heimat verloren gehe. Natürlich mache die Einwanderung es nicht besser. Populistisch zu sein, so eine Kernaussage, heiße nichts anderes, als sich gegen das “Establishment” zu positionieren. Soweit, so AfD.

4.000 Interaktionen im Social Web: Debatte konzentriert sich auf FAZ, nicht auf Gauland

Wie es, wenn es um Populismus geht, anders nicht sein könnte, war der Artikel für die FAZ nach Maßstäben des Internet durchaus ein Erfolg. Nach MEEDIA-Auswertung zählte der Artikel allein 4.000 Interaktionen in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Die meisten Interaktionen kamen dabei über die Accounts der FAZ selbst. Wo die AfD auftaucht, ist Erika Steinbach nicht weit – mit der Verbreitung des Artikels sammelte sie die zweitmeisten Interaktionen auf den Gauland-Beitrag.

Bei Twitter fanden – neben der FAZ selbst – die Tweets von Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, SPD-Mitarbeiter Robin Mesarosch, ein Account namens @thesuingone  und Mario Sixtus den größten Nachhall. Auffällig: In jedem dieser Tweets geht es um die Veröffentlichung durch die FAZ an sich – von Abo-Kündigung wird geschrieben, davon dass eine Zeitung einem “Hetzer” wie Gauland keine Bühne bieten dürfe, dass die Veröffentlichung nichts mit Meinungsfreiheit zu tun habe. Keiner der Tweets oder ihrer Verfasser setzt dem Autoren inhaltlich etwas entgegen.

“Wichtiger Teil des Diskurses” oder “kaum Journalismus”?

Auch die FAZ hat das nicht getan.

Für Journalisten wie Mariam Lau von der Zeit oder hr-Journalist Oliver Guenther ist der Beitrag Teil einer Debatte. “Ich finde es schon interessant zu lesen, was ein derzeit maßgeblicher Politiker denkt”, heißt es in einem Tweet.

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Ansatzweise eine Erklärung zur Veröffentlichung des Gastbeitrages lieferte FAZ-Digital-Chef Carsten Knop. Als Reaktion auf einen Tweet des FPD-Politikers Alexander Graf von Lambsdorff verwies er auf mehrere Gastbeiträge aus den vergangenen Wochen. Die politische Farbpalette ist dabei facettenreich, reicht vom türkischen Staatspräsidenten Erdogan über SPD-Familienministerin Franziska Giffey bis zum Linken-Politiker Oskar Lafontaine. Es gehe, im Sinne des Liberalismus, um Debatte. “Das Wort verbieten? Das kann es ganz gewiss nicht sein”, twitterte der Digital-Chefredakteur auf weitere Kritik.

Während der Gauland-Beitrag in der FAZ also vor allem aus medienethischer Sicht zu polarisieren scheint, blieb die sachliche Debatte – wie bei Twitter sooft – bislang aus. Und damit letztlich mehr Fragen offen als beantwortet wurden: Wie umgehen mit Gastbeiträgen im Allgemeinen? Wie mit ihnen umgehen im Speziellen, wenn sie beispielsweise der Feder eindeutiger Interessensvertreter entstammen? Ist im Fall der AfD ein besonderer Umgang gefragt?

“Man sollte keine Angst vor Populisten haben, sondern die Auseinandersetzung suchen”, erklärt Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gegenüber MEEDIA. “Zwar sind einige Aussagen Alexander Gaulands aus der Vergangenheit in dieser Hinsicht sicher grenzwertig”, so Reinemann, “aber es ist doch höchst aufschlussreich, was Herr Gauland schreibt, wenn er sich nachher nicht darüber beklagen kann, dass die Fragen die falschen gewesen wären.”

Ähnlicher Meinung ist auch Marlis Prinzing, Professorin an der privaten Hochschule Macromedia und Sprecherin der Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. “Ein Gastbeitrag bedient eher die Expertenrolle und kann auch nützlich sein, wenn es gute Gründe gibt, jemandem Raum zu geben, um sehr detailliert seine Argumentation und seine Position klarzumachen. Genau deshalb finde ich im Fall des Gastbeitrags von Gauland dieses Format passend und den Text lesenswert”, so die Journalismusforscherin. “Man erfährt weit mehr, wie Gauland denkt und was die AfD sein will.”

Mit der Veröffentlichung habe die FAZ die “Artikulationsfunktion von Journalismus” bedient. “In diesem Fall wird dem Vorsitzenden einer im Deutschen Bundestag vertretenen Partei das
Wort erteilt. Das sollte per se kein Anlass für einen Aufreger sein.”

Um Populismus zu begegnen, gehöre es dazu, ihn zu Wort kommen zu lassen, so die Experten. Die Grenze, so Reinemann, sei Extremismus. “Da reicht Berichterstattung über die Akteure.” Der Experte erkennt aber an, dass der Umgang mit der AfD hier ein spezieller ist. Die Abgrenzung sei schwierig, “weil manche ihrer Vertreter in ihrer Rhetorik eine Nähe zu extremistischem Gedankengut erkennen lassen und auch die personelle Abgrenzung – etwa zu den Identitären – alles andere als strikt ist”.

Mit der Veröffentlichung des Beitrages habe die FAZ zudem einen beliebten Vorwurf der Populisten entkräftet: Die AfD könne der Redaktion nicht vorwerfen, Aussagen aus dem Zusammenhang zu reißen oder zu verbiegen, so Reinemann. “Und die Leser der FAZ sind vermutlich sehr gut in der Lage, sich ihr eigenes Urteil zu bilden.”

Umgang mit Gastbeiträgen: Verständnis durch Transparenz

Unabhängig von der AfD-Frage lässt sich die Debatte auch auf die Frage drehen, wie Redaktionen mit Gastbeiträgen im Allgemeinen umgehen sollten. Die Darstellungsform ist mittlerweile allgegenwärtig, vereinzelte Medien haben Gastbeiträge von Politikern, Wirtschaftslenkern, Lobbyisten zu festen Formaten gemacht. Selten ist in diesen Stücken eine objektive Sichtweise zu finden.

Für Reinemann lassen sich kaum Regeln für den Umgang mit Gastbeiträgen aufstellen. “Wenn es einen wichtigen Akteur gibt, dessen Ansichten auch einmal ungefiltert zu Wort kommen sollten, halte ich Gastbeiträge für interessant und legitim”, so der Kommunikationsforscher. Im Fall Gauland komme hinzu: “Es gab in der Vergangenheit schon zahlreiche Interviews mit ihm und es wird sie vermutlich auch wieder geben.” In ihnen lasse sich auf die Positionen aus dem Beitrag Bezug nehmen.

Ratsam in jedem Fall sei aber redaktionelle Transparenz – weshalb ein Gastbeitrag und kein Interview, weshalb kein begleitender Kommentar? “Es wäre sicher sinnvoll, wenn sie ihren Leserinnen und Lesern ihre Entscheidungen bzw. Prinzipien auch erklären würden”, so Reinemann. Dazu rät auch Prinzing. Zwar geschehe die Veröffentlichung von Gastbeiträgen oft ohne spezielle Einordnung, weil diese überflüssig sei. Der Fall Gauland könnte aber eine Ausnahme sein. “Gerade weil aktuell so polarisiert über Populismus, AfD und deren angespanntes Verhältnis zu Medienschaffenden diskutiert wird, müsstenMedien den Dialog mit ihrem Publikum pflegen. Die FAZ-Redaktion hätte ihre Leserschaft quasi an den Diskussionen teilhaben lassen müssen, die sie hochwahrscheinlich intern geführt hat.” Und weiter: “Ich hätte erwartet, dass in einem gesonderten Text erklärt würde: Was spricht gegen, was spricht für eine solche Form von Meinungsbeitrag? Sie hätte auch eine organisierte Debatte planen können: Ein anderer Gast widerspricht auf der gleichen Seite Gauland.”

Die FAZ hat das aber weder in ihrer Ausgabe von Samstag noch am Montag getan. Auf Nachfrage von MEEDIA erklärt sich die Zeitung knapp. “Über redaktionsinterne Abläufe geben wir grundsätzlich keine Auskunft”, heißt es. Man habe aber auch schon Interviews mit Herrn Gauland veröffentlicht. “Fremde Federn ist seit jeher ein Platz für pointierte, auch provozierende Artikel von Fremdautoren. Auch in dieser Rubrik wollen wir unseren Lesern Stoff zur Auseinandersetzung bieten.”

Dass Gastbeiträge ohne redaktionelle Begleitung oder Einordnung erscheinen, sei die Regel. Man verweist allerdings auf den in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wie auch im Netz (frei verfügbar) erschienenen Kommentar “Gaulands Populismus“. Im von der FAZ losgelösten Sonntagstitel hatte sich Politik-Redakteur Thomas Gutschker mit Gaulands Beitrag auseinandergesetzt und darauf hingewiesen, dass Gaulands Eintreten für eine gesellschaftliche Mehrheit von ihr nicht getragen werde.

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